2001-09-17
Urlaub ohne Netz bis Sonntag, 23.9.2001

Listen to the Dalai Lama!

Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, wieder mal ein "neues" Gedicht online zu stellen. Auch wenn es eigentlich schon 4 Jahre alt ist:
Immer Noch

Vom rechten Maß
Vor 15 Jahren befand sich die amerikanische Bevölkerung, und mit ihr die gesamte technisierte Welt in einem Zustand des kollektiven Schocks. Das Space Shuttle Challenger war mit sieben Menschen an Bord kurz nach dem Start einfach explodiert. Der Glaube an ein für absolut unverletzbar gehaltenes Symbol für technischen Fortschritt, Freiheit und den Aufbruch in ein neues Zeitalter wurde vollkommen unerwartet von der Realität eingeholt und mit einem Schlag zerstört. Die Medien widmeten sich wochenlang nahezu ausschließlich diesem Thema und niemand von den damals fünf Milliarden Menschen schaffte es, etwas anzustellen, das berichtenswerter gewesen wäre.
Und das, obwohl abgesehen von den Angehörigen der Astronauten und ein paar NASA-Technikern niemand von diesem Ereignis in irgend einer Weise persönlich betroffen war.
Das gilt auch für die Toten von New York und Washington. Und für die als unverletzbar eingestuften Symbole, die trotzdem zerstört worden sind. Natürlich wiegt auch hier der symbolische Faktor weit schwerer als die ungezählten Toten. Und trotzdem ist die globale Reaktion auf dieses Ereignis mindestens so maßlos wie nach der Zerstörung der Challenger. Offenbar ist uns das Gefühl für das rechte Maß abhanden gekommen. Sonst würden wir bei einem zufällig im Fernsehen aufgeschnappten Kurzbericht über eine Hunderttausende Opfer fordernde Hungerkatastrophe nicht achtlos weiterzappen, während wir jetzt ernsthaft darüber nachdenken, was passiert, wenn ein Flugzeug in den Wiener Twin Tower einschlagen würde. Und die geplante USA-Reise lieber doch auf nächstes Jahr verschieben. Und überhaupt lieber ganz zu Hause bleiben, was uns auch nichts nützt, denn wer weiß, was der verdächtig freundliche arabische Zeitungsverkäufer an der nächsten Ecke wirklich im Schilde führt?
Es scheint, als ließen wir uns unser Maß noch immer von den klassischen Massenmedien vorgeben, obwohl das Netz sehr wohl die Möglichkeit alternativer, differenzierter und noch dazu leicht und schnell verfügbarer Informationsbeschaffung bereit hält.
Vielleicht sollten wir die aktuellen Ereignisse zum Anlass nehmen, uns kritischer mit den Informationen auseinander zu setzen, die von wenigen, sich selbst für unabhängig haltende Nachrichtenagenturen über Fernsehen, Radio und Zeitungen verbreitet werden.

2001-09-16
Let's get sarcarstic.
Let's get cynical (ich bin kein Zyniker - yes, you are!)
Let's get drunk.

rounders.de. Lesenswert. Danke für den Tipp, Frank!

Try to understand
Schon eine ganze Weile lang frage ich mich, ob ich das, was ich mir denke, auch laut schreiben soll. Das könnte missverständlich klingen. Das könnte falsch aufgefasst werden.
Ich sage es trotzdem.
Es ist wahr, dass dieser Terroranschlag in New York menschliche Grausamkeit und Bösartigkeit in einer neuen Dimension gezeigt hat. Und es ist schockierend, dass so etwas in einer sicheren, mächtigen, reichen Nation wie den USA passieren kann.
Trotzdem verwirrt mich die kollektive Hysterie - nicht so sehr in Amerika, wo es noch verständlicher ist als bei uns.
Es gibt Plätze, an denen der Terror nicht eine Ausnahmesituation ist, sondern Alltag. Täglich sterben auf der ganzen Welt Menschen an der Grausamkeit anderer, an religiösen oder politischen Auseinandersetzungen.
Trotzdem leben wir unser Leben, bequem und gemütlich, feiern unsere Feste, träumen, lieben, lachen. Jeden Tag.
Don't get me wrong. Das, was passiert ist, wird durch diese Tatsachen um nichts weniger schlimm. Aber die Reaktion der Menschen um mich herum und im Netz, die nichts mit alledem zu tun haben, die von den Ereignissen genau so sehr persönlich betroffen sind wie von einem Krieg in Afrika, von einem Massaker auf den Philippinen - Nämlich gar nicht! - die so tun, als wäre es etwas ganz Außergewöhnliches, dass Menschen andere Menschen verletzen, töten oder ihnen in sonstirgendeiner Weise Leid zufügen, macht mich ein bisschen wütend.
Macht es wirklich soviel Unterschied, wenn man das Schreckliche, das Unfassbare, plötzlich live im Fernsehen sieht?
Die vielen schockierten Stimmen um mich herum, die vielen Kerzen in echten und virtuellen Fenstern, der Aufruf, für das Rote Kreuz im reichsten Land der Welt Geld zu spenden. Es fällt mir schwer, Euch ernst zu nehmen.
Die Kerze in meinem Herzen brennt jeden Tag. Für jeden Menschen, dem Leid oder Ungerechtigkeit widerfahren ist. Irgendwo auf der Welt.
We were watching TV

Presseschau der intelligenten Art.

Nachtrag: Tamim Ansary über Afghanistan:
"We come now to the question of bombing Afghanistan back to the Stone Age. Trouble is, that's been done. The Soviets took care of it already. Make the Afghans suffer? They're already suffering. Level their houses? Done. Turn their schools into piles of rubble? Done. Eradicate their hospitals? Done. Destroy their infrastructure? Cut them off from medicine and health care? Too late. Someone already did all that."
Right. Und auch der Rest des Artikels ist sehr lesenswert. Bis auf eine Kleinigkeit. Pakistan würde den USA vermutlich weder Überflug noch Durchmarsch verwehren.
(Link gefunden bei Henso - sorry, hatte ich vorhin vergessen anzumerken.)

2001-09-15
Afghanistan
Es war einmal, vor langer Zeit, da war Afghanistan mein Land der Träume. Wir schreiben die siebziger Jahre, und ich bin noch nicht einmal eingeschult. Ich sitze in einem Landgasthof, zwischen meinen Eltern, und ein Freund der Familie, der schon seit vielen Jahren dieses Sagenland bereist, zeigt Bilder - oder einen Film, ich weiß nicht mehr.
Was ich noch weiß, sind großgewachsene, stolze Menschen. Kinder mit großen Augen, die lachen über den Fremden mit der Kamera. Tänze von Männern in Pluderhosen und buntgekleideten Frauen. Pferde und Kamele und ein Rennen. Ein Bazar, den man fast riechen kann, auch wenn er nur an die Wand projeziert erscheint. Und das goldene Licht über der fremden Landschaft, karg und eigenartig aber seltsam beruhigend: So, als wäre die bloße Existenz einer solchen Weltgegend und dieser Menschen mit den ruhigen, dunklen Augen ein Versprechen, dass dereinst alles gut wird.
Jahre später, ein Picknick irgendwo in der Steiermark, mit diesem Freund und anderen, die gerade aus von einer ausgedehnten Asienreise zurückgekommen waren. Keine Bilder diesmal, aber Geschichten, die die Bilder in meinem Kinderkopf wieder lebendig machen.

Und die Sehnsucht in dieses goldene Licht zu fliehen, denn die kleinen Probleme in meinem kleinen Leben waren seither immer nur größer geworden. "Da möchte ich auch gerne einmal hin" sage ich. Und höre beruhigt, wie man mir versichert, dass das alles kein Problem sein würde, wenn ich einmal groß wäre.
Ein halbes Jahr später hört man zum ersten Mal von Problemen. Dann kommen die Russen. Und von da an wurde alles immer schlimmer.
Und das Sagenland ist voller Ruinen, hunderttausende Quadratkilometer Mahnmal gegen den Krieg, und die wenigen Bilder, die wir heute sehen, sind staubig und hoffnungslos.
Was bleibt, ist ein Museum. Und alte Bilder.
Links dazu:
Geschichte in Stichworten
World Fact Book
Women of Afghanistan
Afghan News Network
Radio Voice of Afghanistan (z.Zt. nicht erreichbar)
Offizielle Homepage (z.Zt. nicht erreichbar)
Die Taliban (z.Zt. nicht erreichbar)
Afghan Top 100 Websites (sind aber nur 15)
Bilderserie von 1978
Bilderserien 1995 bis 2000
Galerie mit Texten (gefunden von Liisa)
...und der CNN-Bericht, der diese sentimentalen Erinnerungen ausgelöst hat.

2001-09-14
Back to the Music
In der Zeit: Greil Marcus über das neue Bob Dylan-Album Love and Theft.
Ich habe bisher vier Songs gehört (zwei sind sogar ganz offiziell online), mein Favorit soweit: Mississippi (ja, das ist der Song, den Sheryl Crow gecovert hat, bevor jemand das Original hören durfte).

Habe das Joschka-Fischer-Interview auf CNN gehört und finde seither den Traum von Blackandwhiteandblue (gegen Ende der Seite) nicht mehr so abwegig. Leider ist Fischer CNN nicht wichtig genug, um das Interview auch ins Netz zu stellen. (Oder habe ich's nur nicht gefunden?)
Sinngemäß kam für mich jedenfalls rüber, dass die Werte der freien Gesellschaft hintanzustehen haben, wenn man ähnlich Schreckliches in Zukunft verhindern will.
Das mag an der pointierten Fragestellung von Christiane Amanpour liegen, und mir ist durchaus klar, dass es auch andere Interpretationsmöglichkeiten gibt. Trotzdem beunruhigend.

Noch eine Handvoll Links...
Diverse Kommentare mit dem Grundton "Sie dürfen sich nicht wundern": Hier. Hier. Und hier die Diskussion dazu. Natürlich ist das Unsinn. Wundern darf man sich immer. Egal ob einem die US-Bomben um die Ohren fliegen oder ob einem das Büro von Terroristen gesprengt wird. Das ist die Wahrheit des Krieges, wie heilig er auch sein mag: Auge um Auge, Zahn um Zahn - jeder Gegenschlag trifft Unschuldige, die sich anschließend wundern.
Und es geht schon los, hier und hier.
We're not playing football anymore; we're playing Doom -- and we don't even own the joystick.
Wer, wie ich, alt genug ist, um die Zeit der Flower-Power-Generation zu erinnern, dürfte wissen, welche Blumen auf die Gräber lächerlich gemachter Illusionen gelegt werden.

Aber: Bilder...
...können helfen, zu verstehen. So.

Bilder
Als ich gestern Hensos Plädoyer für Bilder zugestimmt habe, hatte ich noch nicht gesehen, was ich mittlerweile gesehen habe.
Ich bin nicht besonders empfindlich. Ich bin überzeugte Vertreterin des Bachmann-Ausspruchs "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar".
Aber wenn ich jemals jemanden dabei erwische, wie er mit der einen Hand die Plane über einer verstümmelten Leiche hochhebt, um mit der anderen ein Foto von den menschlichen Überresten zu schießen, dann werde ich mit Sicherheit versuchen, diesen Jemand fürchterlich zu verprügeln.
I just don't get it.
Ich weiß, dass das widersprüchlich klingt. Ist mir egal.
Vor ein paar Jahren, in einer Situation, die bei weitem nicht mit diesen Ereignissen zu vergleichen ist, aber trotzdem das Bedrohlichste war, was ich jemals persönlich erlebt habe, habe ich begriffen, wo diese Bilder herkommen. Momente, in denen es keine Sicherheit gibt, in denen es keine Hilfe gibt, nur Angst und Chaos. Und die einzige Strategie, um damit umzugehen, erscheint es, sich selbst beschäftigt zu halten. Wenn es andere gibt, die die tatsächlich notwendigen Dinge tun, medizinisches Personal ausreichend vorhanden ist, dann bleibt nur noch die Kamera. Wenn sie zur Hand ist.
Die Bilder. Nein, keine verstümmelten Leichen, damals. Ein bisschen Blut, aber hauptsächlich Tränen und Chaos.
Ich habe den Film weggeworfen, ohne ihn entwickeln zu lassen.
Dass es Leute gegeben hat, die Geld dafür bezahlt hätten, habe ich erst später erfahren. Aber ich glaube nicht, dass das etwas geändert hätte.
